Facebook und Co.
Wir tippen im Dunkeln

facebook auf dem Rückzug. Der Normalzustand sozialer Medien ist heute nicht mehr öffentlich. Es findet ein großer digitaler Rückzug ins Private statt. „Dark Social” – das, was von außen unsichtbar stattfindet, gewinnt an Bedeutung. Eine interessante Kolumne von Sascha Lobo.

Heimat II

Ein interessanter Artikel in der Zeit: Heimat: Die Verlustangst ist real …

Weinbergspfoster im Vorfrühling

 

Folgen der Trunksucht

von Robert Gernhardt

Seht ihn an, den Texter.
Trinkt er nicht, dann wächst er.
Mißt nur einen halben Meter -
weshalb, das erklär ich später.

Seht ihn an, den Schreiner.
Trinkt er, wird er kleiner.
Schaut, wie flink und frettchenhaft
er an seinem Brettchen schafft.

Seht ihn an, den Hummer.
Trinkt er, wird er dummer.
Hört, wie er durchs Nordmeer keift,
ob ihm wer die Scheren schleift.

Seht sie an, die Meise.
Trinkt sie, baut sie Scheiße.
Da! Grad rauscht ihr drittes Ei
wieder voll am Nest vorbei.

Seht ihn an, den Dichter.
Trinkt er, wird er schlichter.
Ach, schon fällt ihm gar kein Reim
auf das Reimwort „Reim” mehr eim.

 

Heimat

„Heimat” ist wieder modern. Mich beschäftigt sie schon lange. In meiner Kindheit kam Heimat meist in Verbindung mit dem Wort „Film” vor. Damals gab es im Fernsehen nur zwei Sender und wenig Wiederholungen. Die waren in den Zeitschriften extra markiert. Und Wiederholungen damals – waren gar nicht gut. Wenn es dann doch mal eine gab, dann schimpfte meine Mutter und wünschte sich stattdessen „einen schönen deutschen Heimatfilm”. Und deutsche Heimatfilme waren meistens mit Luis Trenker oder Lieselotte Pulver und spielten vorzugsweise in den Alpen oder in Ungarn.

Später, in meiner Jugend, war „Heimat” durchaus ambivalent besetzt. Die 68er-Bewegung hatte ihre Finger in offene Wunden gelegt und gezeigt, wie stark auch aktive Politiker und Wirtschaftsführer in die Machenschaften der Nazidiktatur verstrickt gewesen waren. Die „Liebe zur Heimat” erschien nicht nur mir in diesem Zusammenhang als konservativ, wenn nicht gar als reaktionär.

Dafür bitte ich um Nachsicht. Man kann sich das Leben damals jetzt eigentlich nicht mehr vorstellen. Vieles, was heute völlig normal ist, war damals verpönt und wurde manchmal sogar strafrechtlich verfolgt. Selbstverständlich bekamen unverheiratete Paare keine Wohnungen und man diskutierte ernsthaft die Frage, ob Frauen Hosen anziehen dürfen.

Und Filme, die heute im Vorabend-Programm laufen, zwischen Werbung für Granufink und Thermacare, hätten zu jener Zeit auf dem Index gestanden ...
Viele Gedanken über diese „Heimat” machten wir uns allerdings damals zugegebenermaßen nicht. Trotzdem habe ich interessanterweise meine Magisterarbeit, die sich mit den Fremden in Deutschland und unserem Umgang mit ihnen beschäftigte, mit einem Zitat des Ludwigshafener Philosophen Ernst Bloch beendet. Bloch, Vordenker der 68er, schrieb in seinem Prinzip Hoffnung, im US-amerikanischen Exil:

„Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende …
Hat der Mensch … das Seine … in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas,
das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.”

„Heimat” ist hier etwas durchaus Positives, das allerdings nicht wirklich existiert, jedenfalls nicht im Hier und Jetzt, sondern eine Sehnsucht ist, eine Art säkulares Himmelreich.

Ein Aufkleber der  Indentitären

Wem gehört die Heimat?

Die Weinberge meiner Heimat sind sanft und schön. Doch auch vor dieser Idylle macht das aktuelle Unbehagen an der Politik nicht halt. Immer wieder verunzierten Aufkleber der sogenannten Identitären Bewegung Zaunpfosten. „Merkel muss weg“ heißt es da, „Schluss mit dem Asylwahn“ und „Heimatliebe ist kein Verbrechen“. Diese Aufkleber ärgern mich. Nicht nur, weil sie von einer Gruppierung stammen, die als rechtsradikal vom Verfassungsschutz beobachtet wird, sondern vor allem, weil sich hier Leute anmaßen zu bestimmen, was und für wen Heimat ist.

Die Folge der gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten ist, dass heute niemand mehr einfach in Heimat hineingeboren wird, man muss sie sich erarbeiten – derjenige, der Heimat sucht genauso wie jene, die Heimat sein möchten. Diana Kinnert, die mit 25 Jahren bereits das Berliner Büro von Peter Hintze leitete, meinte: „Heimat entsteht nicht durch Geburt. Sie entsteht nicht in Abgrenzung zu etwas … Heimat ist Verbundenheit in Freiheit. Heimat meint Verantwortung, Anteilnahme, Mitwirkung.” Dass man sich heute Heimat erarbeiten muss, ist also nicht nur ein Nachteil. Es heißt auch, dass man sie sich erarbeiten kann.

„Heimat ist Tiefe, nicht Enge”, sagte der Hanns Koren, ehemaliger Kulturpolitiker und Nationalratsabgeordneter der ÖVP und steirischer Landtagspräsident.